
Ich kann das Schreiben nicht vom Leben trennen; was ein großes Glück aber manchmal auch ein Unglück ist. Für andere bin ich oft eine Zumutung, wenn ich während eines Buches zwischen den Welten stecke; zwischen der Welt, in der ich lebe, und der Welt, über die ich schreibe – die ich dazu ja aber auch leben muss.
Ich muss mein Haus verlassen, um zu schreiben, was vielleicht ein Versuch ist, das Schreiben zumindest von meinem Zuhause zu trennen. Ich habe viele Jahre in Cafés geschrieben, immer am selben Tisch – aber wenn der dann nicht frei war, war das eine Katastrophe.
Jetzt habe ich einen eigenen Schreibort, ein Zimmer direkt neben meinem Lieblingscafé, dem Café Mathilde in Hamburg, wo viele meiner Manuskripte entstanden sind. Ich liebe diesen Ort, er ist eine andere Form von Zuhause, mein Zuhause im Schreiben. Um mich herum sind Bücher, ein roter Teppich, Bilder, Kerzen, und ich schreibe an einem Tisch, den ich mir habe anfertigen lassen.
Meine Manuskripte verfasse ich ausschließlich am Computer, aber meine Notizen muss ich mit der Hand schreiben, auf Karteikarten oder in Notizbücher, manchmal auch auf Bierdeckel oder Quittungen. Bevor ich mich ans Manuskript setze, hat sich ein riesiger Zettelkasten angesammelt. Bei den meisten Zetteln weiß ich noch, wo ich sie geschrieben habe – auf auf Bahngleisen, in Zügen, im Wald, im Süden, im Einkaufszentrum.

Die Ideen entstehen beim Fahrradfahren, in der Badewanne, und manchmal an Orten, die es schwierig machen. Die Idee zu dem Jugendroman, an dem ich gerade schreibe, fiel mir vor drei Jahren in der Würzburger Residenz auf den Kopf, ich musste mich dort auf die Steintreppen hocken und wie unter Diktat alles aufkritzeln. Die Idee hat mit der Würzburger Residenz nicht das Geringste zu tun, was zeigt, dass Ideen ein eigenes Leben haben. Ein bisschen so, als würde einem auf der New Yorker Brooklyn Brücke ein Amazonasschmetterling auf die Hand flattern. Ideen sind Wunder, die kann man nicht bestellen, aber man muss ihnen immer ein Türchen offen halten.
Ich glaube an Wunder und ich glaube an Glücksbringer, mit denen mich meine jüngere Tochter versorgt.
Für jedes Buch schenkt sie mir welche, sie stehen auf meinem Tisch oder hängen an der Wand, die ich mir für jeden neuen Roman gestalte.

Beim Schreiben selbst bin ich diszipliniert, ich schreibe morgens, wenn meine Tochter in der Schule ist und versuche rechtzeitig aufzuhören, damit zuhause das Essen auf den Tisch kommt. Mich hat mal ein Kollege gefragt, was gegen Schreibblockaden hilft, ich habe gesagt, Kinder kriegen.
Aber ohne meinen Mann, meine Freunde, meine Lektorin und meine Mutter ginge es auch nicht. Meine Lektorin darf ich immer anrufen und meine Mutter liest immer mit, jedes fertige Kapitel wandert ins Fax, eine Viertelstunde später kommt der Rückruf. Das ist dann jedesmal ein Windstoß in den Rücken, und wenn mich Zweifel plagen, schwingt meine Mutter den sprichwörtlichen Besen und fegt mir den Kopf frei. In jedem Buch steckt meine Familie, zwischen jeder Zeile, ich würde sagen, meine Familie ist die Seele meiner Bücher.