
Frau „ABEDI“ – wie spricht man Ihren Namen korrekt aus?
Beim Vornamen bitte mit Betonung auf dem „I“ und beim Nachnamen auf dem „A“.
Sie haben in Ihrer – wie lange nunmehr währenden? - Autorenkarriere schon Bücher für alle Altersgruppen geschrieben: Bilderbücher, kurze Abenteuergeschichten, Ihre ungemein erfolgreiche „LOLA“-Serie, phantastische Geschichten wie „Unter der Geisterbahn“, Bücher für Jugendliche wie „Imago“ oder, ganz aktuell „Whisper“, von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert …
(lacht) Das klingt jetzt, als sei ich wirklich schon Jahre und Jahre dabei!
Dabei habe ich mein erstes Bilderbuch erst 2001 veröffentlicht.
Und welches Ihrer Bücher mögen Sie selbst am liebsten?
Mit meinen Büchern fühle ich mich ein bisschen wie eine Mutter von vielen Kindern. Ich liebe sie alle – jedes auf seine Weise und mit seinen ganz eigenen Besonderheiten.
Gibt es denn auch etwas, das Ihre Bücher gemeinsam haben?
Ja. Ich nenne es das Wunder im Alltäglichen. Das kann ein rosa Luftballon an einem grauen Regentag sein, oder die Vorstellung, aus der Konservenbüchse im Supermarkt klettert plötzlich ein schmatzendes Monster.
Solche Vorstellungen haben mich schon als Kind fasziniert, und wenn ich nachts nicht schlafen konnte, habe ich immer meine eigenen Träume gesponnen. So wie es meine Hauptfigur in den Lolabüchern auch tut – obwohl ihr Alltag ein ganz realistischer ist.
Der erste LOLA-Band beginnt damit, dass die Familie umzieht, weil im Ort, in dem sie bis dahin wohnten, ganz gemeine Rassisten Lolas Vater beleidigen und allen das Leben schwer machen. Auch Ihr Mann ist Brasilianer …
Kennen Sie also eine solche Problematik aus eigener Erfahrung?
Offenen Rassismus, wie Lolas Vater ihn erleben musste, kenne ich aus eigener Erfahrung nicht. Aber wir erleben schon manchmal eine unterschwellige Form von Ausländerfeindlichkeit. Das kann das saure Zitronengesicht einer Verkäuferin im Supermarkt sein, die beim vorigen Kunden noch herzlich gelächelt hat. Oder die abwehrende Körperhaltung eines Menschen, neben dem man in der U-Bahn Platz nimmt. Kleinigkeiten – die für mein Gefühl aber ebenso verletzen können wie dreckige Sprüche auf der Hauswand.
Überwiegend ist zum Glück jedoch die gegenteilige Erfahrung. Als brasilianischer Musiker hat mein Mann vielen Deutschen einen wunderbaren Teil seiner Heimat näher gebracht. Und in meiner Arbeit als Schriftstellerin ist Eduardo immer die Musik zwischen den Zeilen, wenn er mich auf meinen Lesereisen begleitet oder zu meinen Hörbüchern die Musik komponiert. Mehr über ihn erfährt man auf seiner Website: www.eduardo-macedo.de.
Zurück zu den LOLA-Büchern:
Dort, aber auch in vielen Ihrer anderen Romane und Geschichten, geht es zwar oft sehr lustig und abenteuerlich zu, es gibt aber auch immer wieder Probleme, mit denen die Protagonisten fertig werden müssen.
Da geht es etwa um oberflächliches Verhalten, dann wieder um Kinder, deren Terminkalender sich mit denen von Managern vergleichen lassen, um Eltern, die sich nicht um ihre Kinder kümmern oder sie sogar verlassen …
Planen Sie schon vorher, solche Themen einzubauen, weil es Ihnen ein Anliegen ist, sie anzusprechen oder ergibt sich das aus der Geschichte?
Solche Themen ergeben sich – allerdings weniger aus der Geschichte, als aus den Figuren. Das Geheimnis eines guten Buches besteht für mich darin, dass man die Figuren durch ihre Geschichte begleiten und ihre Gefühle miterleben will. Schöne Gefühle, genauso wie schreckliche, denn zum Leben gehört beides – und im Zentrum jeder Geschichte stehen für mich immer die Figuren.
Darum mag ich auch Autorinnen wie Kirsten Boie und Astrid Lindgren so gerne. Auch in ihren phantastischen Geschichten sind die Figuren so „echt“, dass man glaubt, sie anfassen zu können. Vergleichen Sie das mal mit den „Fünf Freunde“ Bänden. Die habe ich als Kind zwar auch gern gelesen, aber die Figuren waren wie Schablonen. Bis auf Georgina, die gern ein Junge gewesen wäre, erinnere ich mich an keine einzige Eigenschaft.
Lassen Sie sich auch von dem, was Sie im „normalen Leben“ sehen und hören für Ihre Bücher inspirieren?
Klar. Vor allem in den Lola-Büchern kommt viel Alltägliches vor. Als Mutter einer Elfjährigen ist mir kindlicher Terminstress ebenso vertraut wie Streit mit der besten Freundin oder Frust über ungerechte Lehrer. Das allein macht natürlich keine spannende Geschichte aus, aber es hilft, die Figuren authentischer zu beschreiben.
Was aber immer ein Thema ist – gerade auch in ihren Jugendromanen – ist das Eltern-Kind-Verhältnis …
Da haben Sie mich ertappt. Es ist ja doch so, dass ganz unwillkürlich Dinge aus der eigenen Biografie in das einfließen, was ein Autor schreibt. Bei mir ist der abwesende Vater ein prägendes Thema gewesen – und dass sich damit auch viele meiner Figuren herumschlagen müssen, ist daher sicher kein Zufall. Lolas Papai dagegen ist ein Vater, wie ich ihn mir als Kind gewünscht hätte.
Kurze Unterbrechung, nachdem ein Blick auf den Strom der Messebesucher gezeigt hat, dass eine liebe Bekannte von Isabel Abedi im Anmarsch ist: „Da ist ja Kirsten Boie! Gerade noch haben wir über dich gesprochen!“ Die beiden Autorinnen tauschen sich aus – über die ständig wachsende Menge an Büchern, auch im Kinder- und Jugendbuchbereich. Kirsten Boie merkt an: „Manchmal hat man den Eindruck, es sei ja alles schon irgendwie von irgendwem geschrieben worden! Da weiß man gar nicht, ob man selbst überhaupt noch was zu Papier bringen soll …!“ Isabel Abedi widerspricht vehement und weist darauf hin, dass sie sehr wohl der Ansicht ist, dass jemand wie Kirsten Boie ihren Lesern noch sehr viel zu sagen haben wird und dass auch sie selbst noch viele Ideen hat. Boie beschließt das Gespräch mit einem scherzhaften: „Also machste weiter, schätze ich? Dann mach ich auch weiter! “ Und die Interviewerin ist ausgesprochen froh, das zu hören, gehört doch auch Kirsten Boie zu den von ihr sehr geschätzten Autorinnen.
Nochmal zurück zu Ihrer LOLA-Reihe: Die Protagonistin hat eine Frosch-Phobie – welches sind Ihre Phobien?
Ich habe keine Phobien. Aber ich kenne jemanden, der unter einer Sektkorkenphobie leidet – das fand ich so skurril, dass ich das unbedingt in meinem Buch haben wollte. Und auch Fälle von Froschphobie sind mir bekannt.
Lola träumt sich abends vor dem Schlafengehen in ein komplett anderes Leben; da kann sie alles sein, was sie will. Was war Ihre Lieblingsphantasie als Kind?
In meiner Phantasie war ich meistens Zirkusartistin und bin mit Zigeunern durch die Weltgeschichte gereist. Das war manchmal so aufregend, dass ich davon erst richtig wach geworden bin – genau wie Lola.
Stichwort „Phantasie“: In „Unter der Geisterbahn“ geht es ja absolut wild zu. Da müssen zwei Menschenkinder mit einem Feuergeist und einem jungen Vampir das Geisterreich vor der Auslöschung bewahren und dabei eine Reise durch allerlei schreckliche Gegenden antreten.
Wollten sie beim Schreiben dieses Buches einfach mal alle ihre Phantasien ausleben?
Mit Wollen hatte das wenig zu tun. Die Grundidee hatte ich auf einem Gespensterspielplatz in Hamburg – und was danach passierte, war ungefähr so, als hätte man eine Sektflasche vor dem Öffnen geschüttelt: der Korken flog raus und die Ideen wirbelten durch die Luft. Die Arbeit war da eher, die Ideen zu zügeln und in einen schlüssigen Plot zu bringen.
Phantastisch, ein bisschen gruselig, vor allem aber sehr spannend geht es auch in einem anderen Ihrer Bücher zu. Ich meine „Whisper“, den Jugendroman, in dem zwei Teenager einen Jahre zurückliegenden Todesfall aufklären und am Ende selbst um ihr Leben fürchten müssen.
Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Wenn ich ein Buch schreibe, stellt sich mir nicht die Frage, was wohl ein gutes Thema sein könnte. Bei mir springt ein Funke über – und daraus entwickelt sich der Rest. Bei „Whisper“ war es der Schauplatz der Geschichte. Das alte Haus, das kleine Dorf. Beides gibt es, ich sage aber nicht wo (grinst) und beides kenne ich sehr gut, weil ich den wichtigsten Teil meiner Kindheit und viele Ferien, sowie fast jedes Wochenende dort verbracht habe.
Es findet in dem Buch auch eine Séance statt – haben Sie selbst schon einmal so etwas erlebt?
Ja – und zwar auch in diesem Haus. Ich war ungefähr in Noas Alter und mit am Tisch saßen meine beste Freundin und ein paar Erwachsene. Bei uns meldete sich ein Schriftsteller aus dem Jenseits, sehr zum Entzücken meiner Mutter, die Buchhändlerin ist.
Wir haben viel gekichert, und spät nachts blieben meine Freundin und ich allein zurück. Da glitt das Glas wieder über die Buchstaben, und im selben Moment brach draußen das Gewitter los ...
Natürlich war damals kein Mord im Spiel und ich glaube auch nicht daran, dass man mit Gläserrücken Geister beschwören kann. Aber immerhin – das Erlebnis war gruselig genug, um mich zu Whisper zu inspirieren.
Sie haben zwei Töchter, schreiben die auch?
Meine jüngere Tochter ist eine Geschichtenerfinderin, die ständig irgendwelche spannenden Ideen im Kopf hat – oft auch Texte für Lieder, die dann mein Mann komponiert.
Meine ältere Tochter ist ein Fantasy-Fan und schreibt selbst auch. Auf meinem Nachttisch liegen gerade 170 dicht bedruckte Seiten für den ersten Teil einer Fantasy-Trilogie. Für mich ist es unglaublich spannend, das zu begleiten, aber natürlich ist man als Mutter immer voreingenommen und viel zu dicht dran. Deshalb begnüge ich mich damit, ein begeisterter Empfänger ihrer Ideen zu sein, was immer ein fruchtbares Vergnügen ist.
Und wäre es denkbar, dass Sie mit einer - oder allen beiden – ein Mutter-Tochter/Töchter-Gespann abgeben (wie Zizou-Corder oder besser: Louisa Young (1960 geboren) und Isabel Adamakoh Young (geboren 1993), die die Trilogie LIONBOY verfasst haben?
(lacht) Da bringen Sie mich auf Ideen! Natürlich kenne ich die kongeniale Zizou-Kombination, die ich mit meiner jüngeren Tochter zusammen gelesen habe und die uns beide sehr begeistert hat.
Ein Wunsch, den ich schon lange habe, ist dass mir meine jüngere Tochter eine Figur schenkt, die ich dann in eine Geschichte „entlasse“.
Letzte Frage: Sie schreiben (und das viel und verdammt gut! ;-).
Sie lesen Ihre Hörbücher selber (und das mit so viel Geschick, dass nicht nur Kinder es oberklasse finden).
Wann werden Sie eine Hauptrolle in einer Verfilmung eines Ihrer Romane spielen?
(Schaut ein wenig überrascht, bevor ein Lächeln ihr Gesicht überzieht. Überlegt) Es könnte witzig sein, wie Hitchcock in einem Film durchs Bild zu laufen … aber eine richtige Rolle möchte ich nicht haben.
Ist denn so etwas geplant?
Sagen wir mal so: Es gibt ein starkes Interesse an „Whisper“ und „Lola“ …
Die Interviewerin bedankt sich und entlässt Frau Abedi in den Kreis ihrer Fans, die schon darauf brennen, sich ihre Bücher signieren zu lassen.
Allerdings nicht ohne zu versprechen, die Fragen von Rebecca, 8 Jahre, aus Hamburg, auf jeden Fall noch schriftlich zu beantworten.
Und hier sind sie:
Wann schreibst du das nächste LOLA-Buch?
Lola 5 schreibe ich im Anschluss an meinen Jugendroman, als Erscheinungstermin ist Herbst 2007 vorgesehen.
Schreibst du für deine Kinder? Oder für fremde Kinder?
Ich schreibe, weil ich gar nicht anders kann! Aber wenn ich über einem Buch sitze, dann schreibe ich eigentlich immer für die Kinder, die in der Geschichte die Hauptrolle spielen. Und wenn das Buch dann fertig ist, freue ich mich, wenn es andere Kinder lesen wollen. Meine Kinder, fremde Kinder – alle Kinder!
Können Lola und Flo nicht mal auf Klassenreise gehen oder zum Austausch?
Wart mal ab, da kommt schon noch was mit einer Reise ...
Lernt Flo ihren Vater kennen?
Hat sie doch schon – in Band 4!
Warst du schon mal in Brasilien?
Ja, schon ganz oft!
Wie heißen deine Kinder und wie alt sind sie?
Sofia ist elf. Inaié ist 19.
Gehen deine Kinder in echt auf die Ziegenschule?
Meine jüngere Tochter ist auf die Ziegenschule gegangen. Deshalb habe ich den ersten Lola-Teil auch der „echten“ Ziegenschule gewidmet.
Gehen deine Kinder in echt auf die Ziegenschule?
Meine jüngere Tochter ist auf die Ziegenschule gegangen. Deshalb habe ich den ersten Lola-Teil auch der „echten“ Ziegenschule gewidmet.
Herzlichen Dank für dieses angenehme Gespräch und die Antworten per Mail!
Mit ISABEL ABEDI traf sich Chefredakteurin Michaela Pelz (Oktober 2006)
Das Interview könnt Ihr auch unter folgendem Link abrufen: http://www.krimi-forum.de