
Kannst du dich noch daran erinnern, wie es dazu kam, dass du deine erste Geschichte geschrieben hast, und wie sich das angefühlt hat?
Ja, das weiß ich noch genau. Ich arbeitete damals noch als Werbetexterin für Waschmittel und Shampoo in einer Agentur. Meine Kreativdirektorin Katrin hatte gerade aus Jux für unsere Agenturzeitschrift einen Comic vorgeschlagen, in dem eine kleine Idee die Heldin sein sollte – ständig auf der Flucht vor Menschen, die sie stutzen, an ihr feilen oder sie gar ganz verwerfen wollten. Plötzlich fand ich mich am Computer wieder, wild in die Tasten hauend. So wurde die Comic-Idee meiner Kreativdirektorin zu meiner ersten Geschichte. Sie heißt „Die kleine Idee“ und liegt noch immer unveröffentlicht in meiner Schublade. Aber mit ihr fing meine Lust zu schreiben richtig an. Viele Ideen folgten – und wurden zu Büchern!
Die meisten Autoren haben immer wiederkehrende Themen, die sie besonders faszinieren. Welche sind deine?
„Stell dir mal vor ...“ Diese Frage hat mich fasziniert, so lange ich denken kann. Stell dir mal vor, du wachst eines Morgens auf und kannst fliegen ... Stell dir mal vor, du öffnest den Kühlschrank und vor dir sitzt ein maulendes Monster ... Stell dir mal vor, du berührst ein Bild und es wird lebendig ... Man kann in der kleinsten Kammer sitzen und dabei in sich selbst eine Welt erschaffen, die grenzenlos ist und in der alles möglich wird, was man nur will. Das ist es, was mich am allermeisten fasziniert – und aus diesem Gedanken heraus entstehen auch die meisten meiner Geschichten.
Welches von deinen Büchern liegt dir am meisten am Herzen?
Immer das, an dem ich gerade schreibe.
Wie gefällt dir das Leben als Autorin?
Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt ist alles vorhanden. Es gibt Momente, da laufen mir beim Schreiben einer Szene die Tränen runter oder ich muss laut lachen, weil meine Heldin gerade was Komisches anstellt, das sind wundervolle Augenblicke. Aber es gibt auch Tage, an denen ich furchtbar unsicher bin, Angst habe, nicht gut genug zu sein, das ist dann immer ganz schrecklich. Dann bin ich froh über die Helden in meinen wirklichen Leben, meine Familie und Freunde, die mich wieder aufbauen.
Wie sehen deine Arbeitstage aus?
Als Mutter, die ich ja auch bin, muss ich sehr diszipliniert arbeiten und die Vormittage nutzen. Von 10 bis 13 Uhr ist meine kreativste Zeit, da sitze ich meist in meinem Lieblingscafé, dem Café Mathilde in Hamburg, und schreibe, schreibe, schreibe ... Leider hat man als Autorin auch Bürokrams zu erledigen, das mache ich nachmittags. Abends kann ich gar nicht arbeiten, obwohl mich auch beim Entspannungsbad oder beim Yoga manchmal Ideen überfallen, was lästig sein kann – zum Beispiel wenn ich dreimal hintereinander aus der Wanne hüpfen und mit nassen Fingern eine „kleine Idee“ zu Papier bringen muss.
Was inspiriert dich?
Wasser, fremde Dörfer, gute Spielfilme, Erinnerungen an meine Kindheit, Kontakt mit Menschen und Zugfahrten – da hab ich schon die tollsten Sachen erlebt: eine Frau im Speisewagen, die von Bremen bis Hamburg eine dreiviertel Packung HB rauchte und dabei lauthals ihren Kollegen durchs Handy beschimpfte. Die anderen Zuggäste verzogen angewidert die Gesichter. Ich – die ich an ihrem Tisch saß – zückte mein Notizbuch und schrieb mit ... Als die Frau auflegte, kam ich mit ihr ins Gespräch. Sie war Tauchlehrerin und erzählte mir unglaublich spannende Geschichten über Haifische.
Lola hat einen brasilianischen Vater, der Musik liebt... hast du in diesen Geschichten viel aus deiner eigenen Familie einfließen lassen?
Erwischt! Der „Papai“ in unserer Familie kommt auch aus Brasilien und ist Musiker; seine Band, die Kakao Company kommt im dritten Band von Lola sogar vor. Eine Buchhandelsoma gibt es ebenfalls in unserer Familie – auch wenn sie keine Kunden beschimpft, die kitschige Bücher kaufen. Da ist sie schon ein wenig zivilisierter. Von mir hat Lola ihre nächtlichen Phantasien. Ich konnte als Kind nie einschlafen und war in der Nacht dann alles Mögliche, vom Waisenkind bis zum Zirkusstar.
Wie lange brauchst du für ein Bilderbuch, einen Kinderroman, ein Jugendbuch?
Immer vorausgesetzt, die Idee steht, brauche ich für ein Bilderbuch etwa eine Woche, für die Romane mindestens ein halbes Jahr – und das ist immer noch viel zu wenig. Ich wünschte, ich könnte mir für jeden Roman mindestens ein Jahr Zeit nehmen.
Hast du die Handlung schon komplett im Kopf, wenn du anfängst?
Ja, ziemlich genau sogar. Ich muss mit einer Idee immer sehr lange schwanger gehen, sie in mir wachsen lassen, bis sie reif ist, aufs Papier zu kommen. Ich muss auch darüber sprechen, mich selbst die Handlung erzählen hören, dabei merke ich ganz stark, was stimmt und woran ich noch feilen muss. Bevor ich loslege, entwickele ich eine Art Szenenfahrplan, an dem ich mich beim Schreiben orientiere. Trotzdem erlebe ich dabei natürlich noch jede Menge Überraschungen. Zum Beispiel, wenn eine Figur plötzlich sagt: „Ich mach jetzt nicht das, was du für mich vorgesehen hast, ich mach jetzt – ätsch – etwas ganz anderes!“
Fällt es dir leicht, immer neue Figuren für deine Bücher zu erfinden?
Handlung und Figuren hängen für mich immer ganz eng zusammen: sobald die Idee für eine Geschichte da ist, sind auch die Figuren da – schemenhaft. Zum Beispiel weiß ich jetzt schon, dass die Heldin für mein nächstes Kinderbuch sehr lange rote Locken haben wird, blasse Haut und wässrig grüne Augen. Sie wird äußerlich zart sein und innerlich zäh. Aber natürlich muss ich noch viel mehr über sie herausfinden – und dazu trage ich sie in mir herum, viele Monate lang, bis ich genau weiß, wie sie denkt und fühlt und handelt. Das mag ich, das ist fast wie neue Freunde finden.
Verwendest du für deine Figuren auch Eigenschaften von Leuten, die du schon kennst?
Klar – aber meist nur kleine Macken oder Vorlieben. Auch da ist Lola wieder ein gutes Beispiel. Ich wollte unbedingt, dass sie eine besondere Phobie hat, und da fiel mir die Froschphobie einer Freundin ein. Diese Freundin ist nun komplett anders als Lola – aber ihre Froschphobie hat sie mir für sie geschenkt. Für Äußerlichkeiten suche ich mir oft Schauspieler, die ich dann in aller Ruhe studieren kann. Der Vorteil an Schauspielern ist auch, dass man in Filmen erlebt, wie sie in Extremsituationen reagieren. Manchmal spule ich eine gut gespielte Szene ein Dutzend mal zurück und studiere die Mimik des Schauspielers bis ins kleinste Detail.
„Testen“ deine Töchter alle deine Bücher, bevor du sie dem Verlag gibst?
Sie wissen, worüber ich schreibe, manchmal lese ich ihnen auch Kapitel oder einzelne Stellen vor, bei denen ich mir unsicher bin. Der Vorteil an Kindern ist für mich, dass sie glasklare und felsenfeste Meinungen über bestimmte Dinge haben. So kam es bei meinem Kinderroman „Unter der Geisterbahn“ zum Beispiel dazu, dass meine Tochter Sofia mir befohlen hat, den kleinen Flaschengeist, den ich eigentlich nur als Nebenfigur für den Anfang im Sinn hatte, mit auf die große Reise der Helden zu nehmen. All meine Wenns- und Abers wollte sie nicht hören. „Baby Achmet muss mit oder ich lese das Buch nicht“, sagte sie. Ich habe auf sie gehört – und Baby Achmet wurde zum Liebling all meiner Testleser.
Was war dein bestes und dein schlimmstes Erlebnis auf einer Lesung?
Mein bestes Erlebnis ist eigentlich immer, wenn an einer spannenden Stelle im Buch Stille einkehrt. Wenn dann sechzig oder mehr Kinder da sitzen und es so still ist im Raum, dass ich flüstern kann. Dann könnte ich heulen vor Glück.
Mein schlimmstes Erlebnis war die Begegnung mit zwei Zombie-Lehrerinnen. Die waren wie wandelnde Tote. Die haben nur da gesessen und dumpf vor sich hin geglotzt, haben nicht Hallo und nicht Auf Wiedersehen gesagt, und ich habe die ganze Zeit gedacht, meine Güte, wer lässt solche Menschen auf Kinder los.
Welche drei Ratschläge würdest du jemandem geben, der Autor werden möchte?
Sei neugierig, verlerne nie, zu staunen und vergiss niemals, wie es ist, ein Kind zu sein.
Vielen Dank für das Interview!